Autoradio tot

Am 21.5.1999 verschied das Autoradio mit Cassettenspieler Universum ACR 2326 nach längeren Empfangsschwierigkeiten und Bandsalat. Im Beisein großer Prominenz fand am 28.5.1999 das Begräbnis statt. Es wurden eine Menge Reden gehalten und ausgiebig kondoliert. Nachfolgend ein Auszug aus der vierstündigen Grabrede des Eigentümers Prof. Kandler:
Sehr verehrte Trauergäste.

Mein liebes zweiköpfiges Bümchen.

Bedienung! Ein Radler bitte.
Was für ein herrliches Wetter fürs Schwimmbad. Gestern hat er uns verlassen, und mit sich nahm er all jene Melodien und Informationen, die lange Autofahrten zu kurzweiligen Ausflügen werden ließen. Wir verharren hier in mit auf MUTE geschaltetem Schmerz.

Als er zu uns stieß, war er gerade ein paar Tage alt und so putzig, dass man auf dem kleinen Display kaum etwas erkennen konnte. Wir erinnern uns mit Vergnügen an die winzigen Schalterchen und an sein fröhliches Glucksen, als er erstmals in Kontakt zu seinem Auto kam. Und dann der erste Satz: „Hallo, hier ist wieder euer Tommi Gottschalk mit Pop nach Acht!“ Unvergessene Tage. Misstrauensvotum gegen H. Schmidt, NDW, NATO-Doppelbeschluss, For Those About To Rock und hintergekrempelte Sakkos. Der Kleine lebte sich schnell ein. Mühelos schluckte er die versifftesten fetengeschädigten Kassetten, spielte ohne zu klagen die blödeste Musik ab und aß zwischendurch auch mal ein paar Chips, wenn es der Beifahrer witzig fand.

Apropos Beifahrer. Für diese hatte er schon immer eine Antenne. Manch Abendstunde verbrachte man kuschelig zu dritt an romantischen Plätzen, und während die Ähren sacht wogten, klang es in sternklarer Nacht: „I’ll never be Maria Magdalena, for the creatures of the night, la la la…“ Nur selten war er über die Wahl der Insassin missgestimmt, dann jedoch posaunte er schon mal ein „…der Verkehr wird umgeleitet! Da di dadada di da!“ heraus. Was für herrliche Zeiten.

Das Benzin kostete gerade mal 75 Pfennig und im Auto hörte man gerne die Meldung vom Gewinn des deutschen Meistertitels durch den VfB Stuttgart. Farin Urlaubs Gitarre war noch unverzerrt und die Texte witzig. War das ein Erlebnis, als Prof. Bumie und ich während einer Spritztour einen liegengebliebenen Kleinbus mit Novizinnen flottmachten, diese uns plötzlich aus Dank, als im Radio Gainsbourgs „Je t’aime“ lief, mit flinken Zung…, aber das interessiert heute wahrscheinlich eh‘ niemanden.

Wie schon die Toten Hosen die Jahre, die ins Land ziehen, betonten, bekam auch unser guter Freund selbige zu spüren. Auf lettische Volksweisen, in seiner Jugend mühelos von den entferntesten baltischen Regionalsendern hereinbekommen, musste man allmählich verzichten. Diverse liebgewonnene Kassetten erzeugten zunehmend undefinierbares Gesäusel, so wie es heutzutage z.B. von Blümchen reproduziert wird. Der Herbst zog sukzessive ins elektromechanische Geäst unseres Begleiters. RDS, TFX und CD waren die neuen Schlagworte. Die digitale Welt breitete sich erbarmungslos aus. Und der Kummer unseres analogen Freundes stieg und ließ auch uns gemessenen Schrittes gehen. Seine Pflicht hat er stetig erfüllt. Es gab gute Zeiten und schlechte Serien, für sein Äußeres wird es nur noch madige Zeiten geben.

So betten wir ihn in den ewigen Kreislauf der Natur neben seine besten Freunde, Hans-Erwin die Handkurbel und Lui der Lammfellüberzug. Träume nun wohl, lieber kleiner Freund. Mit dir nimm eine Zeit, in der ein Ford Granada noch ein wirkliches Statussymbol war und in der Computer noch wie Brotkästen aussahen. Mit dir nimm eine Zeit, in der es kein nachmittagelanges Hans-Meiser- und Bärbel-Schäfer-Mistgequatsche gab, man sich dafür auf die blaue Elise und die Aufklärung eines Tegtmeier freuen durfte. Mit dir nimm eine Zeit, in der Pizza nachts um 12 auf einem Stromkasten gegessen wurde und in der noch kein Wonder-Bra die Jungs belog.

So steige hinauf in den Äther, in die Heimat der Frequenzen und grüße mir all jene, die uns verließen und bereits sehnsuchtsvoll erwarten: 3 Lederjacken, 1 Jeansjacke, keine Bomberjacke von Bumie (trägt er immer noch), 4 Geldbeutel, 2 Schlüssel, 237 Feuerzeuge, 17 CD’s, 2 Fahrräder, 2 Mofas (ZX 25, G3), 2 Waschbrettbäuche und mehrere Gehirnwindungengongi.

Vielen Dank für das zahlreiche Erscheinen. Besonders möchte ich mich an dieser Stelle bei seinem Hausarzt, gutem Freund und im Moment nackten Chefarzt Prof. Dr. Bumie bedanken, der ihn in all den Jahren betreute und in den Stunden des Abschieds bis zuletzt seinen Kabelbaum hielt.

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