Kegelfreunde

„Charmante und offenherzige junge Frauen und Männer gesucht, die sich nicht scheuen, etwas Neues auszuprobieren. Sportlichkeit wäre angenehm.“

Mit dieser Zeitungsannonce fing alles an. Und so trifft man sich einmal im halben Jahr, täglich alle vier Wochen jeweils samstags in der Kegelbahn am Wunsiedler Eisweiher. Wie Reinhold Messner am Mount Everest steigt die Vorfreude auf diesen Abend und endlich ist es dann wieder so weit: Hier wird noch gekegelt wie seit Uhrzeiten und pünktlich um 20.00 Uhr geht es auch los. Von Sichersreuth bis Schönbrunn finden sich die Mitglieder langsam aus der ganzen Welt ein und versuchen durch überlaute Gespräche, derbes Schultergeklopfe und hünenhaftes Gelächter die allmählich anwachsende Spannung zu verdrängen.

Jetzt ist der große Moment gekommen. Der Zündschlüssel wird gedreht, und laut aufbrüllend zieht das 2000 PS Dieselaggregat die neun Kegel in die Höhe. Gleich beim ersten Bodenkontakt stehen die Kegel positionsgerecht und sicher auf der Bahn. Ein gutes Vorzeichen. Doch sollte man jetzt nach und nach besonnener werden. Jedes falsche Wort, jedes misslungene Schulterklopfen könnte schon das letzte gewesen sein. Atemlose Stille tritt ein.

Die Augäpfel der Wettkämpfer rollen nervös in ihren Höhlen, wollen es am liebsten den Kugeln gleichtun, die sich plötzlich bumpernd und polternd im langen Schacht von Bahnende zu zentraler Sammelstelle auf den Weg machen. Und dann wieder Stille. Niemand rülpst mehr.

Der erste Kandidat bewegt sich zum Kugellager. Mit Bedacht wählt er eine geeignete Kugel aus, streicht behutsam über die herrlichen Rundungen, liebkost ihre Kühle und verspürt das Erblühen ihrer Knospen. Er wird dabei aber nie zu aufdringlich. Elegant setzt er zum Wurf an. Im brachialen Aufsetzten entlädt sich donnernd die ganze Energie äonenhafter Kraft auf das Geschoss. Alle Naturgesetze scheinen aufgehoben. Was war ist nicht mehr. Oben ist jetzt unten, Jürgen heißt jetzt Hans, und wer pinkeln war, spült nicht mehr runter. Im Auftrag der Vernichtung unterwegs, tobt die Kugel davon.Während das Bodenpersonal die Kegelscherben beseitigt, sitzt der Eiban schon wieder an seinem Platz und prostet allen zu. Das Spiel kann also weitergehen.

Auch der nächste Bewerber lässt nichts auf sich sitzen. Nicht ganz so kräftig, dafür umso smarter setzt er die Kugel auf und verzeichnet einen neuen Rekord. Ganze dreimal springt die Kugel fröhlich von Bande zu Bande und pfeift dabei wie auf Wanderschaft ein lustig Liedlein. Ösi ist zufrieden.Anerkennender Applaus von den Kollegen ist des Künstlers Lohn.

Die Stimmung ist jetzt entspannter. Zur Auflockerung wird ein Witz erzählt: „Kommt ein Arzt zum Mann. Sagt der Mann: ‚Herr Doktor, Herr Doktor, ich hab Palmen am Arsch.‘ Sagt der Arzt: ‚Ist doch nicht so schlimm. Kommen se wieder, wenn die Nüsse reif sind.'“Alle lachen, weil jeder den Witz kennt.

Viel Mühe geben sich auch die Mädchen. Doch sie haben keine Chance gegen die Männer. Mit ihren dünnen Ärmchen, deren Muskeln sich nur durch das Halten von Schminkspiegeln ausbildeten, haben sie Schwierigkeiten die Kugeln über die Bahnmitte zu rollen. Zum wiederholten Male müssen sie den schmachvollen Weg gehen und die Kugeln zurücktragen. Selbst schuld. Kegelchef Hofmann achtet daher sorgfältig darauf, dass ihre Stöckelschuhe keine Spuren in der Bahn hinterlassen.Im anderen Falle würde er Spuren in ihren zarten Gesichtchen hinterlassen. Ja, es kann ziemlich rau hergehen, wenn man nicht aufpasst. Zur Beruhigung wird deshalb ein Witz erzählt, in dem es um einen Arzt beim Mann geht, welcher Palmen am Arsch hat. Alle lachen wieder.Die Stimmung passt.

Plötzlich ertönt Marschmusik. Einige Kegler haben die zur Dekoration an der Wand hängenden Musikinstrumente für sich entdeckt. Sogleich stimmt alles mit ein. Jeder ist seines Nächsten bester Freund, selbst die Gegner auf der Nebenbahn winken den Musikanten aufmunternd zu.Die Wirtsleute singen ihr eigenes Lied. Sie würden die Kegelfreunde Hofmann am liebsten auf den Mond schießen. Geht aber nicht, da sie sich sonst nicht jede Woche ein neues Sportauto oder eine Yacht kaufen könnten. Den Keglern dagegen ist Geld egal. Sie haben es nicht nötig, jeden Pfennig zweimal umzudrehen. Am Ende muss eh alles der Hoffe zahlen.

Der beste Spieler im Kegelverein ist die Bumie. Konstant wirft er seine acht Kegel um. Einen besonderen Kunstgriff verwendet er dabei nicht.Nach seinen Fertigkeiten befragt, weiß er jedoch nichts zu antworten, da er die Frage nicht versteht.Der Ärmior ist trotzdem gut. Wo aber andere ob ihrer Leistung bejubelt, wird bei der Bumie immer nur geraucht.

Der Abend schreitet nun voran und es wird Zeit für ein neues Spiel. Die Kegelfreunde entscheiden sich für „Häusle bauen“, das wegen seiner enormen Komplexität von allen gefürchtet ist. Es geht darum, so schnell wie möglich einen Fuchs zu fangen, um ihn dann willkürlich zwischen 10 bis 100 Pfennig einzusetzten. Dabei darf der Keller des Hauses nicht zu weit ausgebaut werden, da es sonst Probleme mit den Behörden des Freistaates Bayern geben könnte. Keiner will so recht mitspielen, weil das Spiel Scheiße ist,aber der Kegelchef. Hofmann überredet jeden mit eisendrahthaariger Geduld doch teilzunehmen.

Zum Glück werden endlich mehrere Kühe auf die Kegelbahn getrieben. Sie wollen gestreichelt werden. Zuletzt waren sie beim Monopolyspielen in südländischen Restaurants und haben dort Wetterballons fotografiert. Laut krächzend erheben sich blaue und gelbe Gummistiefel in die Luft der Abendsonne entgegen. Alle rauchen. Die Band spielt eine schmissige Rumba. Reinhold Messner hat den Gipfel endlich erreicht, und während die Mädchen schamgerötet ihre Kugeln herumtragen, geht der Abend in einem orgiastischen Feuerwerk dem Ende entgegen.

Die meisten Spieler befinden sich nun nicht mehr auf der Bahn, sondern als Ausstauschschüler unter den Bänken. Es wird Zeit. Ein erfüllter Keglertreff findet seinen Abschluss. Niemand bereut es, dabeigewesen zu sein, auch nicht die, die daheim blieben. Schon packen die ersten ihre Maucken ein und machen sich bereit für den Nachhauseweg ins Lido oder ins Nelson. Mit einem Mal gellt ein Schrei durch die Luft………………………………………

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